Berliner Zeitung
vom 13.01.2000
Die Suche nach der absoluten Form
Eine Ausstellung in Köln zeigt die Werke und Kunstsammlung des Architekten Oswald Mathias Ungers
VON MARTIN KIEREN
Kaum ein Architekt hat in den vergangenen dreißig Jahren mit seinen Gebäuden, Projekten und Äußerungen derart konträre Reaktionen hervorgerufen wie Oswald Mathias Ungers. Seine Widersacher sehen bei ihm nur die Wiederkehr des immergleichen Quadrates, seine Bewunderer loben seine theoretische Entwurfsmethode, die kühle, rationale und nach den Regeln der Antike und der Renaissance proportionierte Baukörper hervorbringt. International gilt er als wichtigste deutsche Architektenpersönlichkeit, als Instanz und als Lehrer einer Architektengeneration, die das kulturelle Erbe der tradierten Architektursprache absorbiert und reflektiert. Viele bewundern seine Integrität, Unbeirrbarkeit und Verweigerung gegenüber Moden.
Der Auftakt zu einer für einen lebenden Architekten beispiellosen Ausstellungsserie fand letztes Jahr in dem 1545 von Palladio entworfenen Palazzo della Ragione in Vicenza statt. Es war eine imposante Werkschau aus fünfzig Jahren Praxis. Im Frühjahr dieses Jahres folgte eine Ausstellung im NRW-Forum Kultur in Düsseldorf, erweitert nunmehr um Teile seiner Sammlung moderner Kunst.
Da konnte es sich die Stadt Köln, wo Ungers seit fünfzig Jahren lebt, nicht nehmen lassen, noch einmal draufzulegen. Dort zeigt das Wallraf-Richartz-Museum in der Josef-Haubrich-Kunsthalle die Ausstellung "Zeiträume Architektur Kontext", die abermals ergänzt und vertieft wurde.
In Düsseldorf geschah der Dialog von Architektur und Kunst durch einfache Gegenüberstellung: An den Wänden hingen Werke zeitgenössischer Kunst, auf den Tischmodulen standen die Architekturmodelle und lagen Ungers Zeichnungen aus. Die Kölner Schau dagegen ist thematisch angelegt und in Kabinette, in "Zeiträume", unterteilt; hier treten Werke der Kunst und Architekturprojekte in einen Dialog und bilden, oftmals Jahrhunderte umspannend, Sinngruppen, ohne allerdings auf einfache Didaktik zu setzen. Sie legen vielmehr offen, wo der Architekt seine intellektuellen und künstlerischen Wurzeln verortet, in welche Traditionslinie innerhalb der an Motiven reichen Architekturgeschichte er sich einzureihen gedenkt.
Das Entree zum Beispiel, nachdem man eine das pythagoräische Dreieck thematisierende Bodenskulptur von Carl Andre buchstäblich betreten hat, wird gebildet von einer Inszenierung von Ungers Büchersammlung, die Traktate und Manifeste in Erstausgaben aus fünf Jahrhunderten umfasst, unter anderem von Dürer, Pacioli (illustriert von Michelangelo), Palladio und Serlio, und von Zeichnungen und Skizzen berühmter Architekten von Ledoux über Schinkel bis zu Le Corbusier und Mies van der Rohe. Das sind allesamt Architekten, die die Antike und die aus ihr erwachsenen Klassizismen und den ihnen eingeschriebenen mathematischen Proportionen gewonnen aus Maß, Zahl und Ordnung und vor allem die daraus resultierende Anmutung in ihrem Werk reflektiert haben.
Die folgenden Räume thematisieren folgerichtig die Archetypen, gleichsam die Grundfiguren der Architektur. Zu sehen sind unter anderem Gipsmodelle vom Parthenon und vom Pantheon. Säule und Gebälk, das Volle und das Hohle, das eindeutig konfigurierte Volumen auf der Basis klarer Maßverhältnisse das sieht Ungers als Fundament für sein Schaffen. Das Bild "Der ältere Heratempel in Paestum" von Leo von Klenze weist dabei ebenso auf das "Urmaterial" wie die hinreißenden Korkmodelle berühmter Gebäude von Antonio Chichi aus dem 18. Jahrhundert.
Die formale Anmutung der Vorbilder ist kastenartig, würfelförmig, stereometrisch klar. Sie galten als Abbilder des Geheimnisses der Schöpfung, eines aufscheinenden Geistes, der sich in ihnen inkarnierte. Nach den Alten waltete in einfachen Formen der Glaube an die Macht, Beständigkeit und Heiligkeit geometrisch reiner Körper. In dieser Denktradition bewegt sich Ungers, auch wenn sich dies nicht gleich jedem erschließt, weil man von zeitgenössischer Architektur anderes erwartet als abstrakte Formspielerei.
Die Darlegung der Obsession des Sichtens und Sammelns, Denkens und Entwerfens, des Arrangierens und Aufzeigens Ungers hat die Ausstellung selbst in Szene gesetzt birgt ein homogenes Theoriegerüst, fundiert durch zum Thema gehörende Objekte. Vor allem aber ist die Ausstellung schön anzusehen. Und diese Schönheit hat einen Namen: Ruhe.
Denn ergänzt werden die genannten Bildwerke, Modelle und Zeichnungen von Werken zeitgenössischer Kunst Ellsworth Kelly, Richard Long, Bruce Nauman, Donald Judd, Josef Albers, Gerhard Merz, Sol LeWitt , von denen die Anmutung der Ruhe, der Stille, aber auch einer kalkulierten Stringenz ausgeht. Sie wirken aus ihren Materialien, Linien und Formen heraus und geben zugleich einen Decodierschlüssel in die Hand, mit dem sich Ungers Methode der Gestaltfindung entziffern lässt.
Es ist das Ringen um die absolute Form, die ihre Bezüge nicht im Spekulativen, in der privaten oder der funktionalen Sphäre sucht, sondern in der Reinheit geometrischer Körper, in der mathematischen Gesetzmäßigkeit, unter Ausschaltung aller Zufälle und Formfantastereien. Der heutigen Kultur ist diese Haltung fremd, sie setzt auf dekonstruierte und deregulierte Bildeffekte, auf Täuschung und Verwertung.
Niemandem müssen diese derart gewonnenen Gebilde, die Werke der Künstler und die Architektur von Ungers, gefallen, aber sie gehören wahrgenommen und ins Kalkül der Betrachtung und Bewertung der Vielfalt der formalen Erscheinungen unserer Welt einbezogen: Es ist nämlich das Fundament der abendländischen Bilderkultur, das hier, wenn auch als reine Idee, mitpräsentiert wird.
(Josef-Haubrich-Kunsthalle Köln, bis 13. Februar 2000. Der Katalog, erschienen im Dumont-Verlag Köln, kostet 58 Mark. Weitere Informationen im Internet http://www.museenkoeln.de)
Vor allem ist die Kölner Ausstellung schön anzusehen. Und diese Schönheit hat einen Namen: Ruhe
Die Suche nach der absoluten Form
Eine Ausstellung in Köln zeigt die Werke und Kunstsammlung des Architekten Oswald Mathias Ungers
VON MARTIN KIEREN
Kaum ein Architekt hat in den vergangenen dreißig Jahren mit seinen Gebäuden, Projekten und Äußerungen derart konträre Reaktionen hervorgerufen wie Oswald Mathias Ungers. Seine Widersacher sehen bei ihm nur die Wiederkehr des immergleichen Quadrates, seine Bewunderer loben seine theoretische Entwurfsmethode, die kühle, rationale und nach den Regeln der Antike und der Renaissance proportionierte Baukörper hervorbringt. International gilt er als wichtigste deutsche Architektenpersönlichkeit, als Instanz und als Lehrer einer Architektengeneration, die das kulturelle Erbe der tradierten Architektursprache absorbiert und reflektiert. Viele bewundern seine Integrität, Unbeirrbarkeit und Verweigerung gegenüber Moden.
Der Auftakt zu einer für einen lebenden Architekten beispiellosen Ausstellungsserie fand letztes Jahr in dem 1545 von Palladio entworfenen Palazzo della Ragione in Vicenza statt. Es war eine imposante Werkschau aus fünfzig Jahren Praxis. Im Frühjahr dieses Jahres folgte eine Ausstellung im NRW-Forum Kultur in Düsseldorf, erweitert nunmehr um Teile seiner Sammlung moderner Kunst.
Da konnte es sich die Stadt Köln, wo Ungers seit fünfzig Jahren lebt, nicht nehmen lassen, noch einmal draufzulegen. Dort zeigt das Wallraf-Richartz-Museum in der Josef-Haubrich-Kunsthalle die Ausstellung "Zeiträume Architektur Kontext", die abermals ergänzt und vertieft wurde.
In Düsseldorf geschah der Dialog von Architektur und Kunst durch einfache Gegenüberstellung: An den Wänden hingen Werke zeitgenössischer Kunst, auf den Tischmodulen standen die Architekturmodelle und lagen Ungers Zeichnungen aus. Die Kölner Schau dagegen ist thematisch angelegt und in Kabinette, in "Zeiträume", unterteilt; hier treten Werke der Kunst und Architekturprojekte in einen Dialog und bilden, oftmals Jahrhunderte umspannend, Sinngruppen, ohne allerdings auf einfache Didaktik zu setzen. Sie legen vielmehr offen, wo der Architekt seine intellektuellen und künstlerischen Wurzeln verortet, in welche Traditionslinie innerhalb der an Motiven reichen Architekturgeschichte er sich einzureihen gedenkt.
Das Entree zum Beispiel, nachdem man eine das pythagoräische Dreieck thematisierende Bodenskulptur von Carl Andre buchstäblich betreten hat, wird gebildet von einer Inszenierung von Ungers Büchersammlung, die Traktate und Manifeste in Erstausgaben aus fünf Jahrhunderten umfasst, unter anderem von Dürer, Pacioli (illustriert von Michelangelo), Palladio und Serlio, und von Zeichnungen und Skizzen berühmter Architekten von Ledoux über Schinkel bis zu Le Corbusier und Mies van der Rohe. Das sind allesamt Architekten, die die Antike und die aus ihr erwachsenen Klassizismen und den ihnen eingeschriebenen mathematischen Proportionen gewonnen aus Maß, Zahl und Ordnung und vor allem die daraus resultierende Anmutung in ihrem Werk reflektiert haben.
Die folgenden Räume thematisieren folgerichtig die Archetypen, gleichsam die Grundfiguren der Architektur. Zu sehen sind unter anderem Gipsmodelle vom Parthenon und vom Pantheon. Säule und Gebälk, das Volle und das Hohle, das eindeutig konfigurierte Volumen auf der Basis klarer Maßverhältnisse das sieht Ungers als Fundament für sein Schaffen. Das Bild "Der ältere Heratempel in Paestum" von Leo von Klenze weist dabei ebenso auf das "Urmaterial" wie die hinreißenden Korkmodelle berühmter Gebäude von Antonio Chichi aus dem 18. Jahrhundert.
Die formale Anmutung der Vorbilder ist kastenartig, würfelförmig, stereometrisch klar. Sie galten als Abbilder des Geheimnisses der Schöpfung, eines aufscheinenden Geistes, der sich in ihnen inkarnierte. Nach den Alten waltete in einfachen Formen der Glaube an die Macht, Beständigkeit und Heiligkeit geometrisch reiner Körper. In dieser Denktradition bewegt sich Ungers, auch wenn sich dies nicht gleich jedem erschließt, weil man von zeitgenössischer Architektur anderes erwartet als abstrakte Formspielerei.
Die Darlegung der Obsession des Sichtens und Sammelns, Denkens und Entwerfens, des Arrangierens und Aufzeigens Ungers hat die Ausstellung selbst in Szene gesetzt birgt ein homogenes Theoriegerüst, fundiert durch zum Thema gehörende Objekte. Vor allem aber ist die Ausstellung schön anzusehen. Und diese Schönheit hat einen Namen: Ruhe.
Denn ergänzt werden die genannten Bildwerke, Modelle und Zeichnungen von Werken zeitgenössischer Kunst Ellsworth Kelly, Richard Long, Bruce Nauman, Donald Judd, Josef Albers, Gerhard Merz, Sol LeWitt , von denen die Anmutung der Ruhe, der Stille, aber auch einer kalkulierten Stringenz ausgeht. Sie wirken aus ihren Materialien, Linien und Formen heraus und geben zugleich einen Decodierschlüssel in die Hand, mit dem sich Ungers Methode der Gestaltfindung entziffern lässt.
Es ist das Ringen um die absolute Form, die ihre Bezüge nicht im Spekulativen, in der privaten oder der funktionalen Sphäre sucht, sondern in der Reinheit geometrischer Körper, in der mathematischen Gesetzmäßigkeit, unter Ausschaltung aller Zufälle und Formfantastereien. Der heutigen Kultur ist diese Haltung fremd, sie setzt auf dekonstruierte und deregulierte Bildeffekte, auf Täuschung und Verwertung.
Niemandem müssen diese derart gewonnenen Gebilde, die Werke der Künstler und die Architektur von Ungers, gefallen, aber sie gehören wahrgenommen und ins Kalkül der Betrachtung und Bewertung der Vielfalt der formalen Erscheinungen unserer Welt einbezogen: Es ist nämlich das Fundament der abendländischen Bilderkultur, das hier, wenn auch als reine Idee, mitpräsentiert wird.
(Josef-Haubrich-Kunsthalle Köln, bis 13. Februar 2000. Der Katalog, erschienen im Dumont-Verlag Köln, kostet 58 Mark. Weitere Informationen im Internet http://www.museenkoeln.de)
Vor allem ist die Kölner Ausstellung schön anzusehen. Und diese Schönheit hat einen Namen: Ruhe