Kölner Stadt-Anzeiger vom 05.09.2001

Er lässt die Antike in Kork auferstehen


VON B. AUS DER WIESCHE, 05.09.01, 20:38h, aktualisiert 23:46h

Ein Kölner hat die Geheimnisse der Korkmodellbaukunst wiederentdeckt. Dieter Cöllens Nachbildungen antiker Ruinen und historischer Bauten finden immer mehr Bewunderer.
Er hat in Kassel, Rom und München ausgestellt, und auch im französischen Cahors kennt man ihn als jemanden, der eine alte Kunst wiederentdeckt hat, die schon als verloren galt: die Schaffung skulpturaler Architekturmodelle aus Kork, der sich für die filigrane Nachbildung besonders gut eignet. Mittlerweile ist das Römisch-Germanische Museum in Köln auf Dieter Cöllen (47) aufmerksam geworden. Der Stadtkonservator hat eine Ausstellung angeregt.

Cöllen, eher ein Mann der leisen Töne, ist gelernter Modellbauer. In seinem Atelier in der Südstadt fertigt er für so bekannte Architekten wie Professor Böhm, Professor O. M. Ungers, Van den Valentyn, Mronz & Kottmair, HPP und Gatermann + Schossig Auftragsmodelle aus modernen Materialien an - sein finanzielles Standbein. Die Begeisterung für das Arbeiten mit Kork packte ihn, als er 1986 in Kassel eine Ausstellung des 1782 verstorbenen Architektur-Modellbauers Antonio Chichi besuchte. Der Römer beherrschte sein Handwerk - seine Nachbildungen antiker Stätten aus Kork waren zu seiner Zeit begehrte Souvenirs. Die Modelle konnten als Dokumentation mit wissenschaftlichem Anspruch gelten, Zeitzeugen also. Cöllen war hingerissen.
Als er die Chance bekam, bis dahin unter Verschluss gehaltene unrestaurierte Chichi-Modelle ganz aus der Nähe zu betrachten, verspürte er eine Gänsehaut. Jetzt wusste er genau, was er wollte: historische Stätten rekonstruieren und den augenblicklichen Zustand detailgetreu dokumentieren. Ihm war nicht klar, welch schwierige Aufgabe er sich selbst gestellt hatte. Die Techniken für den Umgang mit Kork waren schon vor 300 Jahren das bestgehütete Geheimnis der Künstler und nur in Fragmenten überliefert.

Cöllen nahm die Herausforderung an. Er sammelte Fachliteratur, sprach Archäologen an, fuhr nach Portugal, kaufte Korkeichenrinde. Das erste Modell baute er in seinem Haus in Südwestfrankreich - einen Getreidespeicher aus dem 18. Jahrhundert. Er schenkte ihn seiner Frau Barbara. Dann folgte eine gotische Wehrbrücke aus Cahor. Doch Cöllen wollte mehr, seine Arbeiten sollten wissenschaftlichen Betrachtungen standhalten, keine Spur der Zerstörung und des Verfalls unberücksichtigt lassen.

Zu seinen Wegbereitern gehörte der Kölner Archäologie-Professor von Hesberg, der ihn mit Experten des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom zusammenbrachte. Cöllen fuhr nach Italien, besuchte die Tempel von Paestum, das Symbol des architektonischen Neuanfangs schlechthin - und baute sie nach. Er brauchte drei Jahre, anschließend hatte er die Geheimnisse des Korkmodellbaus aufgedeckt. Arbeiten von ihm sind neben anderen der Drususbogen, die Tempel des Poseidon, der Athena, das Untergeschoss des Colosseums und der Tempel der Dioskuren Castor und Pollux. Mittlerweile kann Cöllen für sich Exklusivität in Anspruch nehmen - er hat sich die alten Fertigkeiten des Korkmodellbaus neu erarbeitet.


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