Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2008, Nr. 257, S. 16

MENSCHEN & WIRTSCHAFT

Eine Ausdrucksform für die Vergänglichkeit

Der Phelloplastiker Dieter Cöllen hat die alte Technik des Korkmodellbaus wiederentdeckt


VON ULLA FÖLSING

Seit neuestem feiert Köln im Ausstellungsareal des alten römischen Praetoriums unter dem Rathaus auf besondere Weise seine große Vergangenheit - mit einem imposanten Modell seines ehedem Jupiter, Juno und Minerva gewidmeten römischen Kapitolstempels aus dem ersten Jahrhundert nach Christus am Rheinufer. Auf dessen Fundament und aus dessen Trümmern wurde tausend Jahre später "St. Maria im Kapitol" wiederhergestellt. Das Interesse an der Baugeschichte dieser größten romanischen Kirche der Stadt führte die Grabungsarchäologen zu den Überresten des einstmals stattlichsten Tempels, den Köln in der Römerzeit zu bieten hatte - mit mehr als siebzehn Meter hohen Säulen und Türen von sieben Meter Höhe auf einem 6000 Quadratmeter großen Grundstück. Um den Bürgern anschaulich zu demonstrieren, welche Schätze unter ihren Füßen schlummerten, ließen die Stadtoberen den Kapitolstempel im Maßstab 1:50 nachbilden - vom einzigen Korkmodellbauer der Welt, Dieter Cöllen, der passenderweise in Köln lebt und arbeitet.

Cöllens fertiggestellte wunderschöne Replik des antiken Monuments aus portugiesischer Korkeiche vermittelt bereits durch ihr poröses, verwittertes Material einen verblüffenden Eindruck vom stetig nagenden Zahn der Zeit. Das bislang größte moderne Korkmodell der Welt kontrastiert nicht nur mit bestechender Haptik die aktuelle Vorliebe für Virtuelles, sondern ist auch technisch eine Sensation: Jeder Zentimeter an dem nach traditioneller Manier geschaffenen Objekt ist von Archäologen wissenschaftlich gutgeheißen.

Eine verloren geglaubte Handwerks- und Künstlertradition lebt damit spektakulär wieder auf: Im 18. und 19. Jahrhundert waren Korkmodelle antiker Bauten beliebte Sammelstücke in den Kunstkabinetten der Fürstenhöfe und später begehrte Studienobjekte, Tafelaufsätze und Souvenirs in den Repräsentationsräumen vermögender Bürger. "Rom über die Alpen tragen" hieß die Devise bei den Reichen, Gebildeten und Reiselustigen dieser Zeit.

Die Modellbaukultur selbst entwickelte sich im klassizistischen Italien, wo am Mittelmeer genügend Korkeiche zur Weiterverarbeitung wuchs. Als Stars der Zunft etablierten sich Augusto Rosa und Antonio Chichi mit minutiös nachempfundenen antiken Bauruinen aus Rom. Die Korkbildnerei, bald ambitiös Phelloplastik genannt, blühte kurz und heftig parallel zum Aufstieg und Fall des Klassizismus in der Baukunst, um dann gänzlich zu verschwinden.

Erst der seit langem der Architekturgeschichte verpflichtete Modellbauer Cöllen entwickelte die sorgsam gehüteten alten Produktionsgeheimnisse der Korkkunst neu. Die Begeisterung für das Tüfteln mit diesem Material packte ihn, als er 1986 in Kassel eine Ausstellung des 1782 verstorbenen Chichi sah. Vor allem das natürliche Talent des Werkstoffes, Spuren von Zerstörung und Verfall bei der Nachbildung von altem Mauerwerk sichtbar zu machen, faszinierte Cöllen. "Mit Kork gelang den alten Meistern in unglaublicher Weise, den Objekten Leben einzuhauchen und dem Betrachter die Vergänglichkeit der Dinge vorzuführen", schwärmt er.

Die nur fragmentarisch überlieferten Techniken zum Umgang mit Kork erarbeitete sich der gelernte Bauzeichner in den neunziger Jahren schrittweise neu. Als erste Fingerübung baute er in seinem Ferienhaus im südwestfranzösischen Cahors nach dem ländlichen Vorbild vor seiner Haustür einen Getreidespeicher auf Stelzen aus dem 18. Jahrhundert und danach die gotische Wehrbrücke des Ortes. Bald wagte er sich an größere Projekte wie die antiken Tempel von Paestum. Um auch wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden, sprach er mit Experten des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom und reiste zu den Ruinen nach Süditalien. Seitdem sind knapp drei Dutzend Beispiele alter römischer, griechischer und ägyptischer Baukunst unter seinen geschickten Händen entstanden, darunter die Tempel von Hera, Athena und Poseidon in Paestum, das Untergeschoss des Colosseums und die Cheopspyramide. Cöllens skulpturale Architekturmodelle wurden inzwischen in Rom, München, Frankfurt und Kassel sowie in Thomas Jeffersons Landsitz Monticello und im dänischen Kolding ausgestellt. Längst sind auch private Sammler auf den Geschmack gekommen, und im November des Jahres 2006 hat Christie's in South Kensington drei kleinere Cöllen-Plastiken aus Kork in der Sparte "Dekorative Kunst" versteigert. Der 48 Zentimeter hohe Vespasian-Tempel wurde für 2640 Pfund zugeschlagen.

Der Bau von hochrangigen Korkminiaturen kostet viel Zeit. Cöllen braucht für ein einzelnes Objekt oft mehrere Monate. Seiner eigentlichen Arbeit am Modell gehen gründliche Literaturrecherchen sowie Reisen zu den antiken Vorbildern und fotografische Bestandsaufnahmen voraus. Mehr als zwei oder drei Großobjekte im Stile des Kölner Kapitolstempels nimmt der Perfektionist, der in Sachen Kork im Alleingang arbeitet, in einem Jahr nicht in Angriff. Ein aufwendiges Großmodell - wie der jetzt in Kolding gezeigte Paestumtempel - kostet 30 000 Euro.

Das Interesse an der Korkbildkunst kommt bei Cöllen nicht von ungefähr: Der heute 55-Jährige war schon vor der Gründung seines eigenen Ateliers im Jahre 1980 stets auf der Suche nach neuen Materialien und Techniken. Finanzielles Standbein des heute leidenschaftlichen Phelloplastikers waren lange Jahre seine modernen, dreidimensionalen Auftragsarbeiten für Architekturbüros wie die der Professoren Böhm oder Ungers. Nach wie vor begleiten seine neuzeitlichen Modelle die Entwürfe von Coersmeier, Van den Valentyn, Gatermann & Schossig und anderen Architekten der Gegenwart, auch wenn der Trend immer mehr zur Computeranimation geht.

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